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"Weg der bunten Steine" (8) am Westpfeiler der Roten Platte

Aktualisiert: 19. Aug 2020

Der Westpfeiler der Roten Platte in den Lechtaler Bergen ist ein fast 500m hoher Felsriegel der hoch über dem Alperschontal aufragt und im Jahr 2002 von den Brüdern Michael und Jürgen Schafroth erstmals durchstiegen wurde. Ihrer Route gaben sie den Namen "Weg der Bunten Steine", was sowohl zu den vielschichtigen Wandbereichen passt, die die Route passiert, als auch an den gleichnamigen Film über's Lechtal von Gerhard Baur erinnert. Trotz logischer Linienführung enthält der "Weg der Bunten Steine" auch einige Seillängen im siebten und achten Schwierigkeitsgrad, was kaum jemanden wundern wird, der diese Wand schon einmal gesehen hat. Sie hat einige der längsten und schwierigsten Kletterrouten in den Lechtaler Alpen zu bieten.


Der Westpfeiler der Roten Platte, an dem im linken Wandabschnitt der "Weg der bunten Steine" empor zieht

Routendaten:

Wandhöhe: ca. 450m

Kletterlänge: ca. 500m

Schwierigkeit: UIAA 8

Gestein: überwiegend bester Apthychenkalk / Hochgebirgskalk

Absicherung: gut mit Bohrhaken abgesichert, zum Teil durchaus weitere Hakenabstände

Material: 60m Halbseile; 12 Expressen; Cams mittlere Größen

Abstieg: elfmaliges Abseilen über die Route

Erstbegeher: Michael & Jürgen Schafroth 2002

Wandbild / Topo: gibt's diesmal nicht von mir, die Wand ist von vorn fast zu uneinsehbar, dass ein Wandbild was bringen würde.

Weiteres Infomaterial: Panico Alpinführer Lechtaler Berge; https://www.walter-hoelzler.de/topo/klettern-lechtal-weg-der-bunten-steine/


Zustieg:

Von Bach im Lechtal mit dem Mountainbike zunächst durch's Madautal und an der zweiten Abzweigung rechts Richtung Ansbacher Hütte ins Alperschontal abbiegen. Gegenüber der Alperschonalpe kann man die Räder stehen lassen und zu Fuß weiter Richtung Ansbacher Hütte laufen, bis man an einem Bach steht, der direkt von der Roten Platte herunter kommt. Etwas weiter stößt man auf einen ausgetrockneten Bachlauf, den man bis ins Schuttkar unter dem Westpfeiler emporkraxeln kann. Dort geht es weglos weiter über Gras- und Geröllhänge bis man den Bach schließlich zwischen zwei großen, roten Felsen überqueren kann und über ein weiteres Geröllfeld die Schrofenzone erreicht. Durch diese klettert man hoch zu einem roten Absatz im linken Teil der Wand, auf welchem sich der erste Standplatz befindet (2-3).


Jo auf den letzten Metern zum Einstieg

1. Seillänge (50m ; 6):

Vom Absatz weg geht es durch einen roten, etwas brüchigen Kamin hoch in leichteres Gelände. Der nächste Standplatz befindet sich unterhalb einer großen grauen Platte, durch die dann die nächste Seillänge führt.


Die erste Seillänge ist brüchig, dafür hat der Fels eine schöne Farbe

2. Seillänge (50m ; 7-):

Die zweite Seillänge ist richtig schön zu klettern. Der Fels ist hervorragend und bietet auch Platz für einige optionale Placements.


Die zweite Seillänge ist sehr schön zu klettern und auch der Fels ist ab hier richtig gut

3. Seillänge (50m ; 7-):

Der Fels ist hier abermals super, die Seillänge beginnt steil und legt sich nach oben etwas zurück. Sehr schöne Kletterzüge.


Jo in der anfangs sehr steilen dritten Seillänge

4. Seillänge (50m ; 3):

Diese Länge ist zwar leicht, der Fels ist aber dennoch kompakt und bietet Platz für ein paar optionale Placements, fixe Zwischensicherungen stecken nicht. Die ganze Zeit über klettert man auf der flachen Platte, die den Vorbau vom zentralen Wandbereich trennt. Der Standplatz befindet sich an einem Punkt, an dem sich die Platte wieder etwas aufsteilt.


5. Seillänge (45m ; 7+/8-):

Diese Seillänge beginnt zunächst auf der besagten Platte, führt dann über eine Steilstufe und endet auf einem Absatz, weit unter den gewaltigen, gelben Pfeilerdächern. Dort befindet sich auch der einzige Standplatz, den wir ohne Ringhaken oder Karabiner vorfanden, darum haben wir für's Abseilen ein Kettenglied dagelassen. In dieser Seillänge ist der Fels strukturärmer als in den vorherigen Längen, trotzdem gehen die Kletterzüge super auf, eine echte Traumseillänge.


Die Kletterei wird hier zum ersten Mal tricky, das Ambiente wird immer imposanter

6. Seillänge (55m ; 6-):

Diese Seillänge ist eigentlich die Zusammenfassung der sechsten und siebten Länge, wie sie im Panico-Topo beschrieben sind. In einem langen Linksbogen erreicht man den Standplatz vor dem ersten Achter. Das spart auf alle Fälle Zeit und den Zwischenstand haben wir sowieso nicht gefunden, weder beim Klettern noch beim Abseilen. Also keine Angst, einfach weiterklettern.


7. Seillänge (35m ; 8):

Der erste Achter ist ziemlich technisch und wird oben raus immer steiler. Zu Beginn gestaltet sich die Seillänge noch recht einfach. Die Crux befindet sich erst auf halber Strecke zum Stand, dort muss man kontrolliert auf kleinen Tritten balancieren und kleine Griffe festhalten. Oben raus werden die Griffe wieder besser.


Schlüsselstelle der siebten Seillänge

8. Seillänge (30m ; 7+):

Sloperlastige und leicht überhängende Kletterei, die hintenraus deutlich leichter wird. Der Standplatz befindet sich auf einem Schuttband, welches den zentralen Wandbereich von der Headwall trennt.


Lauter Sloper in dieser Seillänge, sowas blödes

9. Seillänge (30m ; 1):

Vom Standplatz über's Band, unter der beinahe nordseitigen Headwall durchlaufen. bis man zu einem einzelnen Bohrhaken kommt. Dort geht's rauf in die erste Seillänge der beeindruckenden Gipfelwand.


Vom Band aus kann man die Aussicht richtig genießen

10. Seillänge (45m ; 6+):

Vom Band weg geht es erst gerade hoch, dann links auf einen kleinen Vorsprung, welcher dann rechtshaltend zum Standplatz führt. Dieser ist mit einer Kette ausgestattet, die durch Blitzeinschlag verschweißt wurde. Darum wurde extra nochmal eine Reepschnur zur Verstärkung angebracht. Der Stand hält also schon noch;)


Jo macht sich auf in die Headwall

Nach 45m humaner Kletterei erreicht man den exponierten Standplatz an der verschweißten Kette

Der Tiefblick aus der Headwall ist schon nach 30m ziemlich beeindruckend

11. Seillänge (30m ; 8):

Die schwierigste Seillänge der Tour. Zunächst quert man sehr ausgesetzt rechts vom Stand weg, wobei es sehr auf saubere Tritttechnik und Balance ankommt. Dann folgt die Crux. Kleingriffig und steil geht es in technischer und etwas überhängender Wandkletterei 5m nach oben, bevor es wieder etwas leichter wird. Irgendwann bekommt man wieder einen Henkel zu fassen und bis zum Stand hin werden die Griffe dann auch nicht mehr schlechter. Trotzdem ist hier Ausdauer gefragt, denn die abermalige Rechtsquerung verursacht einen unangenehmen Seilzug und ganz frisch ist man nach fast 400 Klettermetern ja auch nicht mehr. Das merkt man dann aber erst in der nächsten Seillänge so richtig.


Jakob an der Crux

Jo an der Crux

12. Seillänge (30m ; 8-):

Hier geht's genau so weiter wie in der Seillänge davor, nur dass hier keine klare Schlüsselstelle mehr auf einen wartet. Die Länge ist wunderschön zu klettern, kleingriffig und anhaltend. Hier kann einem die vorige Seillänge noch ganz schön in den Knochen stecken. Aber dieser geniale Fels, diese Exposition und die Kletterzüge machen so viel Spaß, dass es nicht schwer ist sich dafür zu begeistern, auch die letzten Meter noch zu meistern.


Was für eine Traumlänge, total genial!

Jo überwindet die letzten schweren Meter der Route

13. Seillänge (50m ; 6-):

Hier stecken nicht mehr viele Haken, es ist auch nur kurz vom Stand weg schwer, danach nicht zu früh freuen und auf die Orientierung achtgeben. Oben angekommen hat man einen tollen Ausblick auf die Freispitze, die Fallenbacherspitze und die Holzgauer Wetterspitze.


Fast am Ausstieg

Abstieg:

Am praktischsten ist vermutlich das Abseilen über die Route, denn dann kann man etwas Gepäck am Einstieg lassen, vor allem die Bergschuhe hab ich immer ungern dabei. Obwohl man dann volle elf Abseillängen vor sich hat, geht das vermutlich noch am schnellsten. Aufgrund der gut eingerichteten Standplätze verhängt sich das Seil auch kaum und das ausgesetzte, oft freihängende Abseilen macht echt Spaß. Man sollte natürlich wissen, was man tut, wenn man in einem so hochalpinen Gelände abseilt, aber wenn man diese Route geschafft hat, haut das auch noch hin.


Ned schlecht, der Tiefblick beim Abseilen

Abseilen macht Freude, manchmal zumindest

Ausgsetzte Gschicht

Unsere Begehung am 8.8.2020

Den Westpfeiler der roten Platte hab ich zum ersten mal im Film "Luft unter den Sohlen" von Jürgen Schafroth gesehen. Das zweite Mal lief ich drunter durch als ich mit m Andi Steck die "Familienbande" an der Fallenbacherspitze gemacht hab. (Über die Route gibt's natürlich auch nen Tourenbericht im Routenbuch.) Jedes Mal war ich so beeindruckt von dieser Wand, dass ich dort unbedingt mal rauf wollte. Wann war mir eigentlich egal, doch als ich Jo eines Nachmittags den Panico-Lechtal-Kletterführer in die Hand drückte und meinte er solle sich irgendeine Route aus dem Buch raussuchen, die wir am Wochenende gemeinsam klettern können, blätterte er dreimal um, sah den Pfeiler und meinte: "Das schaut geil aus, das machen wir". Obwohl Jo lange verletzt war und erst vor vier Monaten überhaupt wieder mit dem Klettern begonnen hat, war auch er dafür den "Weg der Bunten Steine"(8) in Angriff zu nehmen, nicht die leichtere Nachbarroute "König der Lüfte"(7+). Diese soll zwar sogar noch schöner sein als der "Weg der bunten Steine" und ich werde das mit Sicherheit noch überprüfen, doch da es die erste Route in der Wand war wollten wir, dass auch unser erster Kontakt mit dieser Wand über diese Route stattfindet. Außerdem, wenn man einen Achter packt, macht man auch gerne den Achter, sonst lohnt es sich ja gar nicht zu trainieren. Und trainieren tut man in meinem Alter ja mit Freude und wenn man so alt ist wie Jo anscheinend auch noch. So machten wir zwei Sportsmänner uns am Freitag Nachmittag auf den Weg ins Lechtal und fuhren den steilen Forstweg bis zur Alperschonalpe mit unseren ganz normalen, unmotorisierten Fahrrädern hoch. Ich als überzeugter Verkehrsweganer ertrug die Strapazen mit Fassung, während Jo meinte, dass er sich das nächste Mal, wenn ich ihm was von "fair means" erzähle, präventiv irgendwo ein E-Bike schnorren würde.

Nach 15min gemütlichem Weiterwandern entlang des Alperschonbaches ließen wir uns am Rand eines Tobels nieder, der direkt von der Roten Platte herunterkommt und verbrachten da noch einen gemütlichen Abend bevor es Tags drauf zum Klettern gehen würde. Am nächsten Morgen machten wir uns ausgeschlafen auf den Weg zum Einstieg. Eine Stunde weglose Kraxelei die uns mit den schweren Biwakrucksäcken sicher nicht gefallen hätte, aber so, nur mit dem Kletterzeug waren wir ruckzuck auf dem Absatz an dem der "Weg der bunten Steine" beginnt. An diesem Tag waren vor uns bereits vier Frühaufsteher durch die erste Seillänge geklettert, aber wir probierten's trotzdem mit Gemütlichkeit, man will ja sehr gerne alles onsight machen und nicht ständig irgendwo runtersegeln. Gerade weil Jo so bedacht kletterte, fiel er auch nicht herunter, als ihm bereits der zweite Griff, den er in die Hand nahm, ausbrach. Die Kletterei, die auf die erste Seillänge folgte, war ausnahmslos genial und wir kamen in einem perfekten Flow vorwärts. Wir freuten uns einfach nur in so einer gigantischen Umgebung und an einer Wand mit so guter Felsqualität flott klettern zu können, sodass alle Anstrengung von uns abfiel. Die kam aber mit einem Schlag wieder zurück, als es an der Zeit war die schwierigen Seillängen zu meistern. Oft sind die Züge nicht ganz easy und gut festhalten muss man sich auch, denn die Schwierigkeiten sind anhaltend und verlangen Technik, Kraft und Ausdauer. Die Ausgesetztheit in der Headwall ist wirklich einprägsam und die Absicherung ist dem alpinen Ambiente angemessen und nicht plaisir- oder sportklettermäßig. Muse zum Camalots-Legen hatten wir zwar nicht, aber das ein oder andere kleine Runout in den schweren Längen, so wie eine hakenlose Dreier-Seillänge und hakenarme Seillängen unterhalb des sechsten Schwierigkeitsgrades erforderten sicheres Steigen, immerhin hat die Route fast 500m. Haben wir aber gut hinbekommen und waren voll happy, als wir den letzten Stand erreichten. Ich war beeindruckt, dass Jo diese lange und anstrengende Tour so kurz nach seiner verletzungsbedingten Zwangspause derart souverän gemeistert hat und zufrieden mit mir war war ich auch, die ganze Tour onsight hochgekommen zu sein. Das Abseilen durch die steile Wand war auch spaßig und wenig später schossen wir im Stirnlampenlicht auf unseren Rädern heimwärts. Ich fand's irre schnell, Jo meinte eher gemütlich. So gehen die Einschätzungen auseinander, aber wenn einer radeln kann und der andere klettern, hat man ein perfektes Team zusammen um den "Weg der bunten Steine" zu meistern.

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