• Jakob

Rädlergrat (70°, 6) am Himmelhorn

Aktualisiert: 29. Juli 2020

Die Route


Der "Rädlergrat" am Himmelhorn ist eine der schönsten und anspruchsvollsten Grasklettereien im Allgäu. Hier warten steile Grasflanken, die mit Steigeisen und Pickel seilfrei erklettert werden müssen, ein scharfer etwas brüchiger Grat mit genialer Aussicht auf die Höfats, die Wildengruppe und das untere Oytal und eine Gipfelwand im sechsten Schwierigkeitsgrad. Alles in sauberer, traditioneller Absicherung ohne Bohrhaken. Besonders reizvoll ist auch die beeindruckende Vegetation die sich in diesem steilen Gelände beinahe ungestört entwickeln kann. Nur etwa vier mal im Jahr kommt hier jemand vorbei um den Rädlergrat zu klettern. Benannt ist die Route nach ihrem Erstbegeher Herrmann Rädler. Er erschloss den scharfen Grat 1910 im Alleingang, mit einer vogelwilden Umgehung der Gipfelwand und schrieb damit sein eigenes, verrücktes Kapitel in dem Buch der Allgäuer Alpingeschichte. Mit der heutigen Ausrüstung ist die Tour vielleicht nicht mehr so anspruchsvoll wie sie 1910 war, trotzdem bleibt die Begehung des Rädlergrats ein ernsthaftes, alpines Unterfangen im absoluten Absturzgelände. Die Rückzugsmöglichkeiten sind eher mäßig und für Absicherung muss man an vielen Stellen selbst sorgen. Der Zustieg mit dem Fahrrad durchs Oytal und der Abstieg über den Schneck-Vorgipfel sind auch nicht geschenkt, doch für Konzentration und Ausdauer wird man hier mit einer fantastischen, alpinistisch und botanisch wertvollen Erfahrung belohnt.


Routendaten


Kletterlänge: ca. 850m

Schwierigkeit: Steilras bis 70°, UIAA 6

Absicherung: im Zustieg nicht üblich, Bäume und zwei Erdanker vorhanden, am Grat und in der Gipfelwand stecken einige solide Normalhaken, zur zusätzlichen, mobilen Absicherung empfehlen wir ein Set Klemmkeile und ein Set Camalots

Charakter: lange, alpine Klettertour

Ausrüstung: wir raten unbedingt Steigeisen und Pickel im Steilgras zu verwenden, gerade wenn das Gras morgens noch feucht ist



Zustieg


Der Zustieg zum Rädlergrat ist in etwa so zeitaufwendig wie der Grat selbst. Auch technisch ist er wirklich einer der anspruchsvollsten Zustiege die man im Allgäu findet, drum teilen wir ihn der Übersichtlichkeit halber in fünf Abschnitte ein.


Abschnitt 1:

Mit dem Fahrrad von Oberstdorf ins Oytal, an der Skisprungschanze vorbei, durch die Ahornallee, am Oytalhaus vorbei Richtung Käseralp. In der letzten Kehre vor der Käsralp ist das Ziel erreicht, die Räder kann man neben einer Gedenktafel abstellen und über einen Zaun gelangt man auf eine Kuhweide. (ca. 1h)


Abschnitt 2:

Die Weide auf kaum sichtbaren Trittspuren ausqueren bis man in enorm hohem Gras steht und man an einer weniger dicht bewucherten Stelle über den Zaun runter in den Tobel kraxeln kann. (ca. 15min)

Alex kurz vor dem Tobel. 1. Punkt bis 2. Pukt ist Abschnitt 3, 2. bis 3. Punkt Abschnitt 4

Abschnitt 3:

Durch extrem hohes Steilgras empor klettern, immer einer Rinne zwischen den Haselsträuchern folgend. Es empfiehlt sich bereits im Tobel die Steigeisen an zu ziehen und den Pickel raus zu holen. Im Gras muss man sich den leichtesten Weg suchen. Kurze Felspassagen sind auch dabei. Irgendwann wird das Gelände flacher und das Gras niedriger. Neben drei markanten Tannen befindet sich ein kleines Plateau, von dem aus man den nächsten Aufschwung gut erkennen kann. (ca. 1h)



Der steilste Abschnitt führt durch diesen Steilgrasaufschwung


Abschnitt 4:

Von hier aus sucht man sich den leichtesten Weg in Richtung Grat und es wird richtig steil, auch hier kommt man nicht drum herum ab und zu an den Fels zu langen. Hier befinden sich auch die beiden Erdanker. Nach dem steilen Stück flacht sich das Gelände ab und man siehr die Rinne, an deren Ende sich der erste Standplatz befindet. (ca. 1h)



Der Weg Zum Einstieg und die erste Seillänge.

5. Abschnitt:

Die flachere Blumenwiese Richtung Grat traversieren und dann links hoch zum Einstieg. Der erste Standplatz befindet sich recht nah an der Kante. Dort geht es richtig steil runter und man sollte gut aufpassen. (ca. 30min)


Alex am Einstieg

1. Seillänge (3):

Leicht links der Kante hochklettern, dann rechts traversieren und danach links hoch zum zweiten Standplatz. Alternativ kann man auch den ersten Standplatz selber bauen und entspannt rechts der Kante zum zweiten Stand klettern.



2. Seillänge (4):

Wieder links der Kante bleiben, dann rechts auf die Gratkannte klettern und diese bis zum Standplatz verfolgen.

3. Seillänge (4+):

Erst rechts der Kannte, dann nach links und dort bleiben bis wieder fester Fels kommt und man wieder auf die Gratkante kommt. Der dort befindliche Standplatz ist der schlechten Felsqualität halber sehr unbequem, kann aber mit einem mittleren Klemmkeil und einem zweier Cam verstärkt werden.


4. Seillänge (3+):

Weiter den Grat entlang, entweder 60m bis zu den Tannen oder davor Stand machen, der Seilzug wird hier recht groß.

5. Seillänge (3):

Einmal komplett von Baum zu Baum. Die beiden Tannen am Grat sind mit Abstand die besten Standplätze.


6. Seillänge (3-):

Von der letzten Tanne Richtung Gipfelwand steigen, solider Standplatz am "Krebs-Kreuz" vor der Gipfelwand.


7. Seillänge (4+):

Die erste Seillänge der Gipfelwand ist nicht immer fest. Zuerst klettert man zu einem Haken mit Schlinge und dann links haltend zum Standplatz vor der Schlüssellänge. Mittlere Cams können gelegt werden.



8. Seillänge (6):

Senkrecht hoch zu einem Normalhaken und der leichtesten Linie etwa 30m folgen. Es stecken insgesamt vier Normalhaken, mit mittleren Cams kann man sich aber zusätzlich sichern. Der Fels wird nach oben hin immer besser. Der Standplatz liegt rechts in einer Nische, zu der man am ende der Seillänge quert. Hier ist auch das Wandbuch platziert.



9. Seillänge (5+):

Durch eine Verschneidung nach oben bis zu einem Haken mit Schlinge, dann rechts haltend auf's Gras und hoch zum Kreuz, den letzten Standplatz kann man getrost überspringen.



Abstieg:

Von besagtem Kreuz aus zum nächsten Kreuz, das am Gipfel des Himmelhorns steht. Man folgt einfach immer dem Grat, der auch hier noch steil und grasig ist. Wenn man dem Grat weiter bis zum Schneck-Vorgipfel folgt kommt man wieder auf den Wanderweg und kann über's Himmelseck zur Wildenfeldhütte und weiter zur Käseralp absteigen. Von dort aus kommt man, dem Fahrweg folgend in 5min zum Fahrrad und man kann ins Tal rollen. Rückzugsmöglichkeiten aus der Tour heraus gibt es kaum.




Unsere Begehung am 5.7.2020


Um halb 7 radelten wir gemütlich in Oberstdorf los ins Oytal und eine Dreiviertelstunde später stellten wir die Fahrräder in der letzten Kehre vor der Käseralpe ab. Weiter ging's querend zu Fuß über eine Kuhweide, dann durch mannshohes Gras, über den Zaun runter zum Stuibenbach und nach gerade mal 15 Minuten wurde es zum ersten mal richtig steil. Die erste Grasflanke nach dem Bach ist deshalb speziell, weil das Gras enorm hoch war und dennoch muss man hier richtig Klettern, mit Steigeisen und Pickel, wie in einer winterlichen Firnrinne. Auf einem kleinen Plateau angekommen legen wir den Klettergurt an und steigen weiter auf Richtung Grat. Das Gras wird hier zum Glück trockener und niedriger. Die Sonne lässt sich zum erstem mal Blicken und wir stehen mitten im Herzen der Allgäuer Alpen. Hinter uns ragt die mächtige Höfats aus dem Boden, ein weiterer bekannter Grasberg. Am beginn des eigentlichen Grates fanden wir keinen Standplatz vor, also bauten wir selbst einen und ich machte mich auf in die erste Seillänge. Nach einigen Metern stieß ich auf zwei Normalhaken, den ersten Standplatz. Alex übernahm die nächste Länge und Stück für Stück näherten wir uns der Gipfelwand. Der Grat an sich ist sehr scharf, er wird immer wieder nach rechts oder links verlassen und die Wegfindung ist gar nicht so easy. Da waren wir wirklich voller Respekt für den Erstbegeher, das war sicher mental total zermürbend sich da den richtigen Weg zu suchen. Vom Grat aus hat man immer wieder einen tollen Ausblick auf die Himmelhorn-Südwand durch die zwei hochalpine Routen im unteren neunten Schwierigkeitsgrad führen. Die Gipfelwand des Rädlergrats, die Herrmann Rädler damals noch umgangen hat, scheint gegen diese beiden Routen verhältnismäßig harmlos. Trotzdem geht es steil zur Sache, man findet einige Normalhaken und auch ein paar Risse um zusätzliche Sicherungen zu legen. Nach drei Seillängen sind wir am zweiten Kreuz für den heutigen Tag angekommen, doch der Weg bis zum Vorgipfel des Schnecks geht noch ein ganzes Stück am Grat entlang, bis wir wieder in etwas entspannterem Gelände angekommen sind. Von dort aus liefen wir in etwa einer Stunde unter der Wildengruppe durch, zur Wildenfeldhütte, weiter zur Käseralpe und schließlich zurück zu den Rädern. Dann ging's ab in's Tal nach Oberstdorf.


Viele Grüße Alex und Jakob




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