• Justus

"Orientexpress" an der Trettach-Ostwand

Aktualisiert: 5. Dez 2020


Blick von Einödsbach auf die Trettach bei Sonnenaufgang.

Seit vielen Jahrzehnten fasziniert die Trettach-Ostwand die Kletterer in den Allgäuer Alpen. Gründe hierfür sind die absolute Abgelegenheit, die sehr schroffe Landschaft und dass sie eine der höchsten Wände im Allgäu ist. Extrem schwierige und gefährliche Routen gab es hier schon lange, aber seit 2014 existieren auch moderne, zuverlässig abgesicherte Routen. Die erste davon war der "Orientexpress" (440m, 8-), eine direkte Freikletterlinie durch die Wand bis auf den NO-Grat.


Eine Tour startet aber nie erst am Einstieg und hört am Ausstieg auf, vor allem nicht diese...


Los gings für uns am Parkplatz der Fellhornbahn, von wo aus wir mit dem Rad nach Einödsbach die ersten Höhenmeter zurücklegten.

Das Radl schnell in einen der (um diese Uhrzeit noch freien) Fahrradständer und los gehts über den Spätengundkopf und den Wildengundkopf unter die Trettach.


Aufstieg zum Wildengundkopf

In der Wanne, in der sich der Weg zum Waltenberger Haus und der zur Trettach teilen, geht man auf keinem von beiden weiter, sondern macht am besten sein Rucksackdepot, da man hier wieder runterkommt. Diese Wanne verlässt man über ein Joch im NO. (Link zur Zustiegsbeschreibung und Topo gibts am Ende)


Vom Joch aus geht es nun ca. 200 hm geradeaus hinunter auf die Trettach-Ostseite.

Man steigt so weit ab, bis man unter die Wand queren kann.


Abstieg auf der Ostseite

Der zu querende Hang ist nicht besonders steil, aber es tauchen immer wieder plötzlich ausgewaschene Rinnen auf, die meist sehr unangenehm zu queren sind.


Reiner vor der größten Rinne


Auf einem grasigen Rücken nach der größten Rinne steigt man nun zur Wand auf, entlang welcher man das letzte Stück quert. Hier befinden sich immer wieder grüne Pfeile an der Wand, die zum Einstieg leiten. Der Einstieg befindet sich im äußerst linken Wandteil, nahe der Mädelegabel.

(Achtung, man läuft an mehreren gebohrten Routen vorbei, der Standhaken des "Orientexpress" hat eine Reepschnur mit altem Schlaghaken eingebunden)

Für diese sehr anspruchsvolle Querung ist es sehr vorteilhaft, wenn das Gras trocken und die Schneefelder weich sind, also am besten nicht gleich bei Sonnenaufgang reinlaufen, auch wenn man noch mindestens eine Stunde für die Querung braucht.



Nach dieser halben Weltreise (wie es zu einem Orientexpress passt ; D) sind wir am Einstieg angekommen.

Los gehts erstmal gemütlich mit einem kurzen 5er, der sich gut eignet, sich an Fels und Absicherung zu gewöhnen.


Die Erst SL

Weiter gehts mit einem 6er, der vor allem zum 1. Haken schwer ist (Friend mögl.), dann wirds langsam leichter und flacher. Man sieht aber auch im flachen Gelände fast immer einen Bolt, was die Wegfindung recht angenehm macht. Außerdem ist die ganze Route sehr geschickt gebohrt, sodass man in den langen SL auch keinen großen Seilzug hat.


Tolle Kletterei in der 2. Länge

Zum Stand hin wirds oft flach

Dann kommt eine ordentliche 6+, die sich auch nach oben hin immer weiter zurücklegt, so wie alle SL im unteren Wandteil.



Und noch ein schöner 6er zur ersten schwereren SL, einer netten 7, erst steil, dann aus dem Steilen in eine Platte.


Die 7er Länge unten

Die nächste SL führt nun in die Gipfelwand, die deutlich steiler ist, als das bisher gekletterte.


Die Gipfelwand

Die Gipfelwand startet mit der Schlüsselseillänge, die eine kurze harte Schlüsselstelle zu bieten hat (und mir wegen Griffausbruch den Onsight verwährte :( ). Diese Stelle in der Verschneidung ist sehr gut abgesichert und schön zu klettern.


Die gut gesicherte Schlüsselstelle


Tiefblick aus der Schlüsselseillänge

Dann gehts gleich weiter mit der anderen schweren SL (7+/8-), der Schlüssellänge der alten Lobenhoffer. Diese bietet eine Verschneidung, die der Verschneidung der vorherigen SL verblüffend ähnlich sieht. Die Schwierigkeiten sind hier etwas geringer aber homogener. ( A0 könnte hier schwierig sein, evtl. mit Keilen)



Die 2. schwere Verschneidung


Obwohl nun die schwersten SL überwunden sind, sollte man sich noch nicht zu sehr entspannen, da die Route nun etwas alpiner wird.

Es folgt eine schöne 6+, die zur Lobenhoffer-Rampe führt.





Die Lobenhoffer-Rampe ist für 5 nicht geschenkt, zum Ende hin etwas brüchig und sehr exponiert, Wahnsinn, was die damals geleistet haben!



Die exponierte Lobenhoffer-Rampe

Vom nächsten Stand weg wirds richtig brüchig, und die Hakenabstände sind etwas unangenehm weit, man kann sich aber mit Friends behelfen.

!!! Achtung, hier geht es vom dritten Haken senkrecht nach oben, nicht weiter schräg zum nächsten Haken klettern. Hier führt eine andere gut gebohrte Route?/Variante? weiter. Der Stand ist unter einem Überhang rechts. !!!


Von Reiners Standpunkt nicht weiter nach links klettern

Noch über besagten Überhang, dann wir es leichter. Das Gelände wird flacher, unbedingt das sehr gute Topo der Erstbegeher beachten. Stand ist dann direkt auf dem Grat, ca. 100m unterhalb des Gipfels.



Die letzten Meter des "Orientexpress"


Gerade als die Seile am Grat aufgenommen waren fing es an heftig zu graupeln und wir mussten durch nassen Fels auf den Gipfel klettern.


Graupel-Regen am Gipfel

Runter gehts über den NW-Grat, der gut abgeklettert werden kann (3-). Es sind aber auch immer wieder Abseilstellen eingerichtet, von denen wir 2 nutzten, um das Risiko im nassen Fels zu verringern.


Abstieg über NW-Grat

Im Geröll angekommen kann man sich entspannt vom Weg zurück zum Rucksack führen lassen.

Trotz vieler Höhenmeter ist der Abstieg recht schnell bis zum Fahrrad.


Der "Orientexpress" ist sicher eine der interessantesten Alpinklettereien im Allgäu. Ein langer, anspruchsvoller Zustieg, absolute Entlegenheit und eine über 400m hohe Wand auf einen der begehrtesten Gipfel der Allgäuer Alpen sprechen für sich. Für denjenigen, der dem Gesamtunternehmen gewachsen ist gibt es hier die Möglichkeit die berüchtigte Trettach-Ostwand mit hohem Anspruch, aber mit geringeren Gefahren wie früher, zu durchsteigen.


Eine gute Zustiegsbeschreibung und ein super Topo von den Erstbegehern gibt es bei Walter Hölzler auf der Website.


Routendaten:

Kletterlänge: ca. 440m

Schwierigkeit: 8-

Gesamthöhenunterschied: ca. 2000 hm


Grüße Reiner und Justus




Eine etwas leichtere und kürzere Route an der Trettach ist das Spiel der Geister durch die Westwand.

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