• Jakob

"Locker vom Hocker" (8), Schüsselkarspitze

Nachdem wir Ende Oktober den Bayrischen Traum geklettert waren und das Wetter weiter stabil blieb, beschlossen Till und ich zwei Wochen später nochmal rauf in's Schüsselkar zu gehn. Wir dachten uns, es wäre doch voll cool mal in die "Locker vom Hocker" ein zu steigen. Die Motivation die Route dann auch sauber durch zu steigen, würde während dem Klettern bestimmt von selbst aufkommen. Denn "Locker vom Hocker" ist im engeren Sinn keine richtige Plaisir-Route mehr, sondern eine alpine Herausforderung, die wir nach Möglichkeit gern ohne größeren Abflug zu bewältigen hofften. Erstbegangen wurde sie von Wolfgang Güllich und Kurt Albert im Jahr 1981, damals war sie eine der schwierigsten Alpinrouten in den Alpen, erste Rotpunkt-Begehung durch Stefan Glowaz und P. Gschwendtner 1982, gerade mal drei gebohrte Standplätze und zwei Bolts zur Zwischensicherung gibt's auf rund 300 Klettermeter und mit Schwierigkeiten bis in den achten Grad macht die Route ziemlich Eindruck. Zumindest auf uns. Die Route hat aber auch schon zwei Freesolo-Begehungen, eine durch Alexander Huber und eine durch Hansjörg Auer.


Die Südwandplatte der Schüsselkarspitze. Und drüber, a Sau-Bruch!

Als wir dann unter der Platte standen und den feinen Riss sahen, den die Route empor zieht waren wir ziemlich beeindruckt. Was für ein unglaublich kompaktes Stück Fels. Für mich, als Allgäuer Kletterer völlig ungewohnt unbegrünt, nicht ein Graspolster, nicht ein loser Stein. Diese Platte schien eine ganz neue Herausforderung zu sein. Im oberen Teil der Route würde ich aber im Punkt schlechte Felsqualität schon noch auf meine Kosten kommen, so das Topo.



Auch Till schien beeindruckt zu sein. Der Willhelmshafener fühlt sich der steilen Welt des Fels-Kletterns zwar mehr verbunden als der flachen Welt des Watt-Wanderns. Trotzdem, so einen hohen Deich hat er noch nie gesehen;)


Aber egal, jede Route beginnt am ersten Griff und der ist in dem Fall gar nicht so schlecht. Also guck ma mal, dann seh ma scho...



1. Seillänge (8-/50m/1NH):

Am ersten Griff steigt man rechts rüber, nach wenigen Metern ist man bereits im Riss und befindet sich in sehr ausgesetztem Gelände. Da man von einem kleinen Band aus startet, hat man schon nach den ersten beiden Schritten auf der Platte 20m Luft unter den Sohlen. Es empfiehlt sich daher eine Dummyexe in den Normalhaken zu hängen, der sich noch auf dem Band befindet. Auch empfiehlt es sich möglichst bald eine zuverlässige Zwischensicherung im Riss auf der Platte zu platzieren, denn die Kletterei ist nicht ganz einfach und die einzigen fixen Zwischensicherungen sind ein Fixkeil in 20m Höhe und ein Schlaghaken, der erst nach 30m kommt. Bis man am gebohrten Standplatz ankommt muss man insgesamt 45m-50m Kletterei bewältigen, die durchgehend technisch anspruchsvoll ist, gute Schüttelpositionen bietet und den ein oder andere knifflige Kletterstelle an teilweise kleinen Tritten und Griffen beinhaltet. Wenn man den Grad beherrscht und mit mobilen Sicherungsmitteln umgehen kann, macht's einfach nur Spaß, was für eine geniale Länge!


Till in der ersten Seillänge

Ich in der ersten Seillänge. Gerade den Normalhaken geklippt. Weil wir die Tour schon zweimal gemacht haben gibt's übrigens Vorstiegsbilder von Till und von mir, ned wundern;)


2. Seillänge (7+/35m/2NH): Die zweite Länge schaut wieder spektakulär aus und geht ebenso gut auf wie die erste. Die Schwierigkeiten belaufen sich vor allem auf eine große, etwas hohle Schuppe, hinter der man besser keine Keile platzieren sollte. Man kann aber einen Cam links davon legen, bevor man auf die Schuppe klettert. Von dort aus klippt man den ersten Normalhaken und quert sehr ausgesetzt und kleingriffig rechts raus. Dann werden die Griffe wieder größer, man findet noch einen Normalhaken und kommt durch einen weiteren Riss zu einem Stand an drei Schlaghaken.


Till an der hohlen Schuppe

Ich am Ende der Seillänge

3. Seillänge (6/15m):

Eigentlich würde man gerne einfach geradeaus weiterklettern, was ebenso zum Ziel führt und zwei Grade leichter ist, doch die "Locker vom Hocker" zieht nochmal voll links rüber auf die Platte, bevor sie in leichteres Gelände führt. Vom Schlaghakenstand muss man also direkt, absteigend, nach links auf die Platte queren. Es steckt kein Haken, nach 15m erreicht man den gebohrten Standplatz vor der zweiten Achterlänge. Die dritte Seillänge lässt sich auch ohne Probleme mit der zweiten zusammenhängen.


Till im Nachstieg der dritten Seillänge. Zur Sicherheit hab ich hier noch einen etwas zweifelhaften Keil gelegt, naja den braucht's vielleicht auch nicht wirklich.

4. Seillänge (8/40m/2Bolts):

Erstmal quert man links hinüber zu einem markanten Riss in der Platte. Diesen klettert man dann hinauf, bis man auf Höhe des ersten Bohrhakens angelangt ist. Hier stößt man auf die Schwierigste Kletterpassage der Route, denn der Bohrhaken befindet sich drei Meter rechts vom Riss. Am Besten platziert man eine gute Sicherung im Riss und klettert dann rechts rüber zum Bolt. Diese Stelle sieht vom Riss aus so unmöglich und kompakt aus, dass man besser vom Stand aus schon mal nach Griffen sucht, von dort kann man sie nämlich noch sehen. Während dem Klettern muss man sie dann eben ertasten und sehr sauber auf Reibung antreten um einen Griff zu erreichen, der einem das einhängen des Bohrhakens ermöglicht. Vom ersten Bolt bis zum nächsten guten Placement klettert man dann noch etwa zehn Meter und weitere fünf bis zum nächsten Bolt. Die Kletterei macht wirklich nur Spaß, wenn man Plattenkletterei etwas abgewinnen kann und seinen Füßen vertraut. Vom letzten Bolt zum Stand sind es auch nochmal einige Meter, auf denen mir dann allmählich die Zehen weh taten. Es schadet sicher nicht ab und zu an einer sicheren Position die Füße aus zu schütteln.


Was für eine felsige Landschaft!

Voll die Platte

Tiefblick aus der Schlüsselseillänge

5. Seillänge (6/20m):

Die letzte Seillänge auf der Platte und auch die vorerst letzte die in gutem Fels verläuft. Man klettert einen Riss entlang, der Platz für einige gute Placements bietet. Dann erreicht man ein Band, auf dem sich ein Standplatz mit einem Bühlerhaken befindet. Von hier aus kann man entweder abseilen, oder noch ein paar abenteuerliche Seillängen bis zum Gipfel dranhängen.


Endlich ein bisschen Botanik. Der Allgäuer erwacht langsam wieder;)

6. Seillänge (6+/45m/2NH):

Zunächst ist der Fels noch ganz okay, dann wird's richtig brüchig. Über einen plattigen Aufschwung gelangt man auf ein Band, welches man rechts über eine brüchige Platte verlässt, in der sich zwei Normalhaken befinden. Dann gelangt man auf ein Schuttband, rechts unterhalb befindet sich ein Stand an Schlaghaken in einigermaßen solidem Fels. Durch den Seilzug löst man fast zwangsläufig ein paar Steine aus, die aber nicht den Sicherer sondern die rechten Nachbarrouten treffen. Ziemlich beschissen.


Der angenehme Anfang einer unangenehmen Seillänge

7. Seillänge (7-/55m):

Jetzt wird's richtig abgefahren. Die ersten Meter klettert man einen Riss hoch in dem man einen zweifelhaften Friend legen kann, während man mit Händen und Füßen Steine gen Erdboden schickt. Irgendwann gelangt man auf eine Platte, die auf 20m Höhe leider keine Möglichkeit zur Zwischensicherung bietet, dafür gibt es dort aber auch kaum feste Tritte und Griffe. Einziger Pluspunkt, man kommt tatsächlich irgendwie rauf, wenn man auf leisen Sohlen ganz vorsichtig höher steigt. Dann gelangt man auf ein Band, legt wieder einen Friend in den Bruch und kraxelt bis unter eine überhängende Verschneidung, in der man einige Schlaghaken sieht. Darunter kann man mit zwei Keilen und einem kleinen Friend einen sehr puristischen Standplatz bauen, denn dort ist der Fels wieder einigermaßen fest. Diese Variante ist sehr direkt, die Originallinie geht aber wohl wo anders lang.


Toller Standplatz, oder? Hab ich selbst gemacht;)

Standplatz irgendwo im Nirgendwo, aber drei Balken. Obdimol, hier sind wir bestimmt richtig;)

8. Seillänge (6+/30m):

Die Schlaghaken über uns sahen irgendwie nach Verhauer aus und wir fanden eine sehr lohnende Seillänge links davon. Diese endet direkt auf einer Gratsenke, von der man ruck zuck, nordseitig zur Abseilstelle queren kann, ohne vorher irgendwo wild ab zu klettern oder ab zu seilen. Vom Stand durch eine kleine, höhlenartige Wandausbuchtung nach links queren, dann gelangt man in eine Verschneidung mit festem Fels, guten Placements und einem leichten, schönen Weg nach oben. Am Ende kommt man auf dem Grat raus, wo man abermals einen Stand bauen kann, diesmal aber mit einer sehr soliden Köpfelschlinge. Ein guter Abschluss eigentlich, auch wenn man die letzten, fast 100m ausschließlich selber absichern muss. Ob Originalausstieg oder nicht, die Variante funktioniert auf jeden Fall und irgendwie gehört das auch zum Abenteuer, sich seinen eigenen Weg zu suchen.


"Mit dem Kopf durch die Wand", so könnte man unsere Ausstiegsvariante betiteln. Hier ein passendes Foto dazu.

Abstieg:

Abseilen über die "Knapp Köchler". Zum ersten Abseilhaken gelangt man durch einen nordseitige Umgehung einer Graterhebung, bei der man eine schöne Aussicht auf's Oberreintal, das Wettersteingebirge und das Flachland hat. Auch die Zugspitze kann man von hier aus sehen. Oder, einfach gleich nach der fünften Seillänge über die Tour abseilen.

Die Abseilerei hier ist recht anspruchsvoll, egal, wie man's anstellt.


Etwas unorthodox ist die Abseilerei hier

Voll fein dagegen, die letzte Abseillänge

"Locker vom Hocker" beginnt sportlich und endet abenteuerlich. Eine der allerbesten Routen im achten Grad die wir bisher geklettert sind.

Viele Grüße Jakob und Till


Ernste Route, ernste Miene - Locker vom Hocker

Routendaten


Wandhöhe: 300m

Schwierigkeit: 8 (obligat)

Absicherung: drei gebohrte Standplätze (Nr. 1,3,4), zwei geschlagene Standplätze (Nr. 2, 6) zwei gebohrte Zwischenhaken, fünf geschlagene Zwischenhaken, ein Fixkeil

Material: Ein Satz Camalots C4-Größen von 0.3 - 3, doppelter Satz ganz kleine bis mittelgroße Klemmkeile, 60m Doppelseil

Erstbegehung: Kurt Albert, Wolfgang Güllich 1981

1. RP: Stefan Glowaz, P. Gschwendtner 1982

1. Freesolo: Alexander Huber

2. Freesolo: Hansjörg Auer






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