• Jakob

Lüsener Fernerkogel Nordwand

Aktualisiert: Mai 4

Der Lüsener Fernerkogel im Talschluss des Sellraintals ist eine 3298m hohe Gneispyramide, die nach alle Seiten hin steil abfällt. Besonders steil sind die Nordabbrüche, durch die Phillip Brugger und Simon Messner im Herbst 2016 eine äußerst elegante Route fanden. Mit 300m reiner Kletterlänge, Schwierigkeiten bis WI5, M6 bzw. M7 und einem Minimum an fixen Sicherungen ist das "Nordwandcouloir" ein kleines alpines Abenteuer.


Die Wand, das Couloir und der Zustiegshang

Zustieg:

Als Ausgangspunkt für diese Unternehmung bietet sich der Parkplatz vor'm Gasthof Lüsens im hintersten Sellraintal an, dieser liegt auf ca. 1800m. Von hier aus startet man Richtung Westfalenhaus, unter den hängenden Gärten durch und vorbei an der Längentaler Alm, bis man wenige Meter nach der Alm die Wand erblickt. Dann geht's auf Sicht hoch zum Einstieg, der sich am Fuß des Couloirs befindet, welches von Route in logischer Linie durchzogen wird. Der Einstieg liegt auf etwa 2700m, je nach Bedingungen kann diese Route also schon sehr früh oder auch erst sehr spät in der Saison begangen werden.


1000 Höhenmeter radeln, anstrengend. Aber auch entschläunigend, meditativ und ein super Training in wunderschöner Umgebung. Ein guter Start ins "by fair means Abenteuer"

Wir sind die Route Ende April 2021 angegangen und mangels praktikabler Alternativen mit dem Fahrrad ins Sellrain gefahren. Von Innsbruck aus geht sich das in drei Stunden gut aus. Auch mit schwerem Rucksack, denn um für's klettern ausgeruht zu sein, hatten wir die Schlafsäcke dabei und übernachteten im Holzlager der Längentaler Alm.


Guten Übernachtungsplatz in Sichtweite der Wand gefunden

Den Zustieg zur Wand brachten wir also früh morgens hinter uns, so kurz wie der von unten ausgesehen hatte, war er aber überhaupt nicht. Dieser Nordwesthang unter der Wand hat sicher um die 600 Höhenmeter, so eine Schinderei. Günstige Lawinenverhältnisse und Skier sind hier von Vorteil. Letzteres hatten nicht.


Sehr logische Linie diese Route

Am Einstieg angekommen, freuten wir uns erstmal über die gute Eisauflage, mit der wir so spät in der Saison nicht gerechnet hätten. Dann starteten wir los in die erste Kletterlänge. Zunächst erwarten uns vier reine Eisseillängen, danach folgen drei Seillängen im kombinierten Gelände.


Hervorragende Kletterei gleich auf den erste Metern

1. Seillänge (WI4):

Zunächst steil geht es rechts des Einstiegs nach oben, später flacht sich das Gelände etwas ab. Nach ca. 50m machte ich zum ersten mal Stand. Der Einstieg ist überdacht und gut vor Eisschlag geschützt.


Till im Nachstieg der ersten Seillänge


2. Seillänge (WI3):

Das Gegenteil von Länge eins, erst flach, zum Stand hin steiler. Aber ebenfalls ca. 55m lang.


Till im Vorstieg der zweiten Seillänge

3. Seillänge (WI4+):

Eine der schönsten Seillängen der Route. Steil, ausgesetzt und massiv. Bevor ich den unbequem aussehenden Schlaghakenstand erreiche bau ich nach etwa 30m Kletterei lieber selbst was bequemes im Eis.


Ich im Vorstieg der fotogensten Seillänge der Route

Noch fotogener: Der Tiefblick nach der Seillänge

4. Seillänge (WI5):

Die steilste der Eislängen ist wirklich cool zu klettern. Zum ersten mal muss man auch ein bisschen an den Armen hängen. Ein gutes Warmup für die darauf folgenden Mixedlängen.


Leider Sieht man vom Stand aus nicht in die Seillänge hinein, drum hier nur ein Bild vom Standplatz und den ersten Metern

5. Seillänge (WI4 / M5+):

Am Anfang klettert man bequem durch's Eis, oben raus wird die Eisauflage aber immer dünner und läuft in einem Riss komplett aus. Dort kann man zwei kleine Cams platzieren und in festem Fels nach oben toolen, dis man einen Stand an ein paar Normalhaken und Schlingen erreicht. Für uns die schönste Seillänge der Route.


Ich im Schlussriss der ersten Mixedlänge

6. Seillänge (M7):

Eigentlich geht's vom Schlingenstand bald mal weg, rechts über die Platte (M6). Das kam mir aber komisch vor, denn die Risse, in welchen ich gerne ein paar Hooks und Zwischensicherungen platziert hätte waren verschneit und die Kletterei höchst wackelig. Darum beschloss ich dem Riss geradeaus zu folgen, was angeblich schwieriger ist (M7), mir bei diesen Bedingungen aber hundert mal logischer erschien. Nur der Fels lässt etwas zu wünschen übrig. Nach einigen Metern wird der Riss abdrängender und breiter, hier geht's eigentlich rechts über die Platte. Stattdessen hab ich tief in die Trickkiste der Felskletterei gegriffen, die Eisgeräte an den Gurt gehängt und bin einfach den Riss hoch gepiazt. Leider hatte ich dann nicht mehr genug Exen um die nächste Seillänge gleich dran zu hängen, wie es dank der Direktvariante durch den Riss eigentlich möglich gewesen wäre. Also doch nochmal rechts raus zum Zwischenstand. In dieser Seillänge gab es kaum Eis, dafür ein paar gute Placements im Fels und haufenweise aufgebackenen Schnee, der die Kletterei etwas erschwerte. Nicht so das gelbe vom Ei diese Länge aber immerhin brachte sie uns weiter nach oben.


Die definitiv schwierigste Seillänge der Route. Egal, wo man lang geht. So richtig schlau bin ich aus der Beschreibung der Varianten und deren Bewertung nicht geworden, aber das ist beim Mixedklettern sowieso extrem verhältnisabhängig. Irgendwas um M6 kommt schon hin, vllt. auch bissle schwerer, aber ist ja eh egal.

7. Seillange (M6):

Leider kein Eis und jede menge Schnee in den Rissen. Voll die Wühlerei und der Fels unter dem Schnee ist leider selten Fest. Nach ein paar Metern bricht mir auch schon ein Hook aus, ungut. Aber der Sturz war nicht sehr weit, also kein Problem und einige Minuten später stehe ich am Standplatz. Wir beschließen nicht mehr auf den Gipfel zu kraxeln, wir müssen ja auch noch heim radeln. Von hier aus könnte man aber auch noch hoch zum Nordgrat (UIAA 2), über den man nach 300 weiteren Höhenmetern den höchsten Punkt erreicht.


Volle Schnee, volle prügln! So ein Bruch, aber gleich oben



Abstieg:

Abseilen macht am meisten Sinn. Abseilstände in den Felslängen sind vorhanden, im Eis hatten wir den Luxus, dass die notwendigen Standplätze diesen Winter bereits eingerichtet wurden.


Abseilen macht Freude, nur leider nich heude! In der ersten Abseillänge ist uns das Seil gleich zweimal verhangen. Gut, dass wir nicht mehr auf dem Gipfel waren, hätte spät werden können.


Die restlichen Längen lief's dafür reibungslos

Routendaten:

Kletterlänge: 300m

Schwierigkeit: WI 5, M6 bzw. M7

Absicherung: Bis auf einige, geschlagene Standplätze und eine Köpfelschlinge in der Schlüssellänge sind keine fixen Sicherungen vorhanden

Material: Cams bis Größe 2, evtl auch 3, Keile gehen zum Teil auch, Eisausrüstung, Doppelseile



Insgesamt eine wirklich lohnende, abenteuerliche Route in der wir wieder mal viel lernen konnten.


Viele Grüße Jakob und Till


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