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Kuffnerpfeiler am Piz Palü

Der "Kuffnerpfeiler" ist der östliche der drei großen Nordpfeiler des Piz Palü (3900m). 850m ragt er aus dem Gletschermeer auf, das den berühmten Berg umgibt. Er fordert Felskletterei im oberen vierten Schwierigkeitsgrad, 50° im Eis und sicheres gehen, gegebenen Falls auch Spuren, in vergletschertem Gelände. Wenn man das in einer halbwegs angemessenen Zeit hinbekommt kann man sich über eine landschaftlich sehr beeindruckende Hochtour freuen.



Routendaten:

Kletterlänge: ca. 850m, davon die letzten ca. 240m im Eis

Schwierigkeitsgrad: UIAA 4+; 50° im Eis

Absicherung: insgesamt wenige Bolts, wenige Normalhaken, an der Schlüsselstelle stecken ausreichend Normalhaken, Absicherung vor allem durch Schlingen Friends und Klemmkeile, auf der Eisnase kann man notfalls auch ein paar Eisschrauben drehen.


Zustieg:

Zunächst noch gemütlich geht es von der Talstation der Diavolezza-Bergbahn (2100m ü.N0) hinter Pontresina auf flachen Wanderwegen hinauf zum Plateau auf dem die Bergstation der Bahn steht (3000m ü.N0). Dort kann man sein Nachtlager aufschlagen, wenn man die Tour auf zwei Tage angehen möchte. Weiter folgt man dem Weg um den kleinen Granitberg "Piz Torvat" bis man auf einer Scharte ankommt, von der aus man durch eine Geröllflanke zum Gletscher absteigen kann. Weiter geht's über den meist gespurten Gletscher, durch den Eisbruch hindurch und dann entweder gleich nach dem Eisbruch an den großen Querspalten entlang zum Einstieg hinüberlaufen oder wenn die Spalten schlecht ein zu sehen sind dem Normalweg noch ein ganzes Stück folgen und erst wenn dieser das letzte flache Stück vor dem Aufschwung Richtung Gipfel erreicht, rechts querend zum Einstieg absteigen. Eine Randkluft trennt den Einstieg vom Gletscher, darum muss man über eine Schneebrücke hinüber.


Der Zustieg ist unten landschaftlich sehr schön, wenn man mal von der Bergbahn absieht

Ein Übernachtungsplatz mit genialer Aussicht

Der Weg um den Piz Torvat herum ist angenehm zu gehen, allerdings merkt man diesem Berg stark an, dass in seinem inneren der Permafrost langsam schwindet

Vom Normalweg (blau) je nach Spaltensituation die untere oder obere Querung (schwarz) zum Einstieg des Kuffnerpfeilers (rot) wählen

Im Eisbruch auf dem Normalweg

Über die Randkluft zum Einstieg

Routenverlauf:

Zunächst kann man einigen Haken auf die Pfeilerkante folgen, über die man in logischer Linie zum Gipfel gelangt. Aufgrund der länge des Pfeilers ist es definitiv notwendig den Großteil der Klettermeter am laufenden Seil hinter sich zu bringen. Die Schlüsselstelle wartet an einem markanten Felsturm in der Mitte des Pfeilers. Hier befinden sich einige Schlaghaken und Kletterschwierigkeiten um den vierten Grad, die man mit Bergschuhen erstmal frei überwinden muss. Insgesamt bewegen sich die Schwierigkeiten aber durchgängig im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad, nur wenige Stellen sind etwas schwerer. Die letzten 240m bewegt man sich sehr ausgesetzt auf der Eisnase des Ostgipfels, die etwa 40°-50° steil ist. Wenn bereits feste Trittspuren vorhanden sind kann man hier problemlos seilfrei hochlaufen, wenn Blankeis oder harter Firn überwiegt kann man notfalls einige Eisschrauben drehen, ein Eisgerät reicht im Normalfall aus. Vom Ostgipfel erreicht man den Hauptgipfel (3945m) in zehn Minuten.


Ali klettert die ersten Meter hinauf zur Kante

Der markante Gratturm, an dem sich die Schlüsselstelle befindet

Jakob klettert die Schlüsselstelle


Die Eisnase ist steiler als man denkt

Schnell über die kleine Wecht gehüpft und schon steht man auf dem Ostgipfel des Piz Palü

Abstieg:

Der Abstieg erfolgt über den Normalweg und ist am Gipfelgrat recht ausgesetzt.



Unsere Begehung am 6.8.2020

Den Kuffnerpfeiler wollte ich aus verschiedenen Gründen machen. Erstmal führt er auf einen der schönsten Berge der Alpen, man bewegt sich viel durch verglätschertes Gelände und muss einwenig in Fels und Eis klettern. Außerdem habe ich bisher kaum Hochtouren unternommen und wollte mal einen höheren Berg auf einer Route erreichen, auf der an nicht von Bergtouristen totgetrampelt wird und etwas über's Hochtourengehen lernen kann. Ali wollte auch seit langem mal eine Hochtour machen. Er hat viel mehr Gletschererfahrung als ich und er war auch noch nie auf dem Piz Palü. So war er ein Perfekter Partner für diese Tour. Nachmittags stiegen wir zum Plateau gegenüber des Diavolezza-Berghotels auf und übernachteten dort. Um fünf Uhr morgens gingen wir los Richtung Ferner und sahen schon von der Scharte aus die Menschenmassen, die sich bereits auf dem Normalweg tummelten. Den Einstieg erreichten wir über die obere Querung, da die Spalten unterhalb, aufgrund der 30cm Neuschnee schlecht ein zu sehen waren. Spuren mussten wir auf dem Gletscher ein Stück selbst, wobei wir sehr vorsichtig waren. Auf dem Pfeiler angekommen waren wir dann völlig allein und wir genossen die leichte Kletterei. Später stießen auch noch zwei andere Bergsteiger zu uns, die sich für unsere Spur bedankten und ein Stück mit uns kletterten bevor sie uns überholten. Ganz schön eilig hatten die's. Die Schlüsselstelle war schön zu klettern und gleichzeitig die einzige Passage die wir wir nicht am laufenden Seil gingen. Die ziemlich blanke Eisnase war mit ein paar Eisschrauben ebenso schnell am laufenden Seil überwunden und wir standen auf dem Ostgipfel. Hier genossen wir die Aussicht, bevor wir zum Hauptgipfel hinüberlatschten um abzuchecken ob die Aussicht von dort aus noch besser ist. Dort warfen wir noch einen Blick rüber zum Biancograt des Piz Bernina, dem östlichsten 4000er der Alpen, bevor Wolken aufzogen und wir uns auf den Weg machen mussten. Erst zurück zum Ostgipfel, dann über den Normalweg zurück zum Biwakplatz und runter zum Auto. Kurz bevor wir die Schlüsselstelle des Pfeilers erreichten, wurden wir noch Zeuge einer monströsen Staublawine, die in der Serakzone zwischen Kuffner- und Bumillerpfeiler hinunterschoss. Ein Serak etwas unterhalb der Gipfelregion war abgebrochen, stürzte donnernd 1000m in die Tiefe und riss Eis und Schnee mit sich. Unter einer solchen Rinne vorbei zu laufen ist absolut lebensgefährlich und wir waren froh sicher auf dem Ostpfeiler zu stehen. Die Hohen Berge der Alpen sind einfach gewaltig und wir sind froh, dass wir sie ab und zu besuchen können, wenn wir uns ihnen auf vorsichtige und faire Art und Weise nähern. Aber gerade mit der Fairness scheint es heut zu Tage nicht mehr weit her zu sein. Die meisten Leute, die den Piz Palü besteigen, lassen sich bereits den halben Weg mit einer Bergbahn bis zum Hotel hochkarren und die Bebauung der Hänge trübt das Bild der wunderschönen Landschaft. Selbstverständlich kann jeder in und auch mit dem Gebirge seinen Lebensunterhalt verdienen, es ist mir allerdings ein Rätsel, warum das immer auf eine so wenig nachhaltigen, kurzsichtigen Art und Weise getan werden muss. Wegen uns muss niemand ein Hotel auf einen 3000m hohen Schutthaufen stellen, eine ganz normale Hütte für ganz normale Leute und einer geselligen Stube würde uns viel mehr zur Einkehr bewegen als so eine Touristenschaukel.


Viel Grüße, Ali und Jakob

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