• Justus

"Gelbfieber" (9-) am Hochwiesler

Aktualisiert: 9. Okt 2020

Die beeindruckende Südwestwand des Hochwieslers im Tannheimer Tal mit ihren riesigen gelben Überhängen hat Justus und mich schon immer fasziniert. Besonders die Route "Gelbfieber", die geradewegs durch den steilsten Wandabschnitt führt, schien uns in unserer nicht all zu fernen, frühen Jugend immer komplett außer Reichweite. Letzten Samstag aber packte uns der Ehrgeiz doch noch. Im Frühjahr waren wir beide hauptsächlich auf Touren unterwegs gewesen, bei denen es uns weniger um die Kletterschwierigkeiten als um den alpinistischen Anspruch ging, mit dem Gelbfieber wollten wir dagegen die sommerliche Sportklettersaison einläuten. Denn die Route ist für uns eigentlich recht schwierig, dafür ist die Absicherung aber auch richtig gut und alle losen Griffe und Tritte wurden extra mit Sika festgeklebt. Ein Stil, der in hochalpinen Wänden ethisch wesentlich schwieriger zu vertreten wäre als in einer gerade mal gut 100m hohen Wand in den brüchigen Tannheimern. Hier kann man in einer relativ sicheren Umgebung einfach mal ausprobieren, wie weit das eigene Kletterkönnen in Mehrseillägen-Routen reicht und genau das war der Plan. Außerdem sind wir zu dem Schluss gekommen, dass diese Route vermutlich die einzige trockene rund ums Gimpelhaus nach viel Regen am Vortag war.


"Thumbs-up" am ersten Stand - Laune gut, die Richtung passt auch;)

Routendaten


Wandhöhe: ca. 100m

Kletterlänge: ca. 120 m

Schwierigkeit: 9-

Absicherung: sportklettermäßige Absicherung mit Bohrhaken

Abstieg: 2x sehr angenehm über die Route abseilen (unbedingt Zwischensicherungen einhängen), alternativ zum Gipfel wandern und über den Normalweg (2) absteigen oder die Abseilpiste in der Südwand verwenden

Material: 10 Expressen, 60m Halbseile

Erstbegeher: Walter Hölzler & Tobias Wolf im Jahr 2000


Anmerkung: Um etwas Verwirrung zu stiften, beschreibt jeder von uns die von ihm vorgestiegenen SL (und weil derjenige sie auch besser beschreiben kann)


1. Seillänge (8+):

Los geht das "Gelbfieber" als ziemlicher Quergang nach rechts, um überhaupt kletterbare Strukturen zu finden. Im unteren Abschnitt sind Technik und Balance gefordert, da man immer wieder mit wenig zu greifen, weit aufstehen muss. Dann wird es langsam immer steiler, wobei es kaum anstrengend wird, sofern man die richtige Sequenz ausgemacht hat. In diesem gelbsplittrigen Fels ist das Entdecken des nächsten Griffs oft eine echte Herausforderung. Viele Stellen konnten Jakob und ich ganz unterschiedlich lösen. Richtung Stand gehts dann das was unten gequert wurde auch wieder zurück nach links.


Viel Höhe gewinnt man auf den ersten Metern nicht

Esel streck dich, dann gibts Henkel. (Viel besser als das blöde Gold)

2. Seillänge (8+):

Vom Standplatz aus ging's steil, aber zunächst noch relativ leicht schräg, rechts hoch. Eigentlich gibt es gleich zu Beginn kaum Tritte und fast alle Griffe sind mit Sika verstärkt. Die weitere Kletterei durch den gelbsplittrigen Fels ist anstrengend, schwer zu lesen und sehr exponiert, da die erste Seillänge ja auch schon einige Meter überhängt. Etwa nach der Hälfte der Seillänge verlässt man den "Allgäuer Käsweg", eine total verrückte, technische Linie aus grauer Vorzeit derer sich die Erstbegeher bedienten um das "Gelbfieber" einzurichten und kommt bald auf eine graue, wasserzerfressene Platte. Dort klettert man noch ein kurzes Stück durch den besten Fels der Tannheimer Berge bis zum Standplatz. Die nächsten beiden Seillängen verlaufen dann in komplett eigenständiger Linienführung hin zur Ausstiegsverschneidung der klassischen Südwestwandroute.



3. Seillänge (7+):

Diese Länge ist eine reine Verbindung der guten Felspartien. Man quert weit auf einem brüchigen Absatz, der zum Teil komplett aus Sika zu bestehen scheint, um dann noch mal richtig zapfig zum Stand hoch zu klettern.


Da stibitzt einem der Jakob unbemerkt die Kamera und macht dann auch noch gute Bilder...

4. Seillänge (9-):

Die Schlüsselstelle dieser Seillänge und damit der ganzen Route kommt bereits wenige Meter nach dem Standplatz auf einen zu. Ein extrem weiter Zug in einen schmierigen Riss, den ich kaum richtig zu greifen bekam, bereitete mir große Schwierigkeiten. Um bei meinen vielen Versuchen nicht jedes mal wieder zum Haken zurückzufallen und die komplette Sequenz wiederholen zu müssen, klippte ich mir die nächste Zwischensicherung vor. So konnte ich den Schlüsselzug gut ausgeruht anpacken und sofort überwinden. Aber auch der Rest der Seillänge war nicht geschenkt, doch an diesem Tag war ich eh um keine Pause verlegen.



5. Seillänge (8-):

Hier klettert man noch so eine läppische 8- hoch und schon gehts wieder runter... Ah nee, ist doch gar nicht so leicht. Es handelt sich nämlich um die Ausstiegslänge der klassischen SW-Wand, was bedeutet, dass auch diese SL eher klassisch ausfällt. Eine teilweise glatte, überhängende Rissverschneidung macht den schon "gemoschteten" Unterarmen hier nochmal zu schaffen. Also: Geistig noch nicht ganz abschalten nach der 9-.


Müder Justus vs. Überhängende Rissverschneidung

Abstieg:

Das Abseilen geht hier ziemlich leicht von der Hand. Mit zwei sehr ausgesetzten Seillängen ist man unten. Zieht man das Seil am Stand vor der letzten Abseillänge ab, so befindet sich das Seilende 100m lang im freien Fall.

Man sollte in der ersten Abseillänge unbedingt Zwischensicherungen einhängen um wieder an die Wand zu kommen.

(Tipp: Am besten Jakob vorausschicken, um dann vollen Pendel-Spaß beim Aushängen zu genießen :D )

Wir sind vom letzten Standplatz am Gipfel zum Standplatz vor der 9- abgeseilt und von dort aus bis zum Einstieg am Boden, mit 60m Halbseilen geht das gut.


Ohne Zwischensicherungen wird's schwierig wieder an die Wand zu kommen

Justus Huith zum Abseilen in der Hochwießler SW-Wand: "Wenn das mal keine Barfuß-Abseilpiste ist"

Bemerkenswerter Weise hat die Route "Gelbfieber" neben einigen Rotpunktbegehungen bereits zwei Onsightbegehungen. Das fanden wir wirklich sehr beeindruckend. Wir waren schon froh irgendwie in freier Kletterei hochgekommen zu sein.


Viele Grüße Justus & Jakob


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